Wir sind dann wohl die Angehörigen - Filmforum Höchst

Filmforum Höchst
Emmerich-Josef-Straße 46a
Direkt zum Seiteninhalt

Wir sind dann wohl die Angehörigen

Sa 17.12. Di 20.12. (UT-Hörfassung) | 18:30
Do 15.12., Fr 16.12., Mo 19.12. | 20:30
Wir sind dann wohl die Angehörigen
Hans-Christian Schmid | DE 2022 | FSK 12 | 119 Min.
Der 13-jährige Johann muss in 33 Tagen lernen, was Angst alles sein kann und was sie mit einem macht, wenn sie Besitz von einem ergreift: Sein Vater, Millionenerbe Jan Philipp Reemtsma, ist entführt worden, davon darf er niemandem erzählen; die Polizei ist eingezogen ins Zuhause, und jeder Telefonanruf könnte der letzte sein.
Hans-Christian Schmid erzählt die Geschichte der Reemtsma-Entführung aus der Innenperspektive der Familie. An einem Abend im März 1996 wird Jan Philipp Reemtsma vor seinem Haus in Hamburg-Blankenese überwältigt und entführt. Die Täter hinterlassen ein Schreiben, das sie mit einer Handgranate beschweren und in dem sie 20 Millionen D-Mark fordern, eine Summe, die später noch erhöht werden wird. Reemtsmas Frau, findet die Lösegeldforderung, spricht mit dem Anwalt der Familie und Vertrauten ihres Mannes, und informiert auch sofort Sohn Johann: „Wir müssen jetzt ein Abenteuer bestehen.“
Das Abenteuer ist ein seltsames: Angehöriger einer entführten Person zu sein. Die Rolle der Angehörigen scheint zunächst einmal eine passive zu sein, die mit viel Warten, Geduld und stiller Verzweiflung zu tun hat. All das wird in Schmids Film deutlich und schmerzlich erfahrbar. Aber, auch das offenbart der Spielfilm, Angehöriger zu sein, kann ebenso bedeuten, tatkräftig mitzumischen, eigene Strategien zu entwickeln, Grenzen zu übertreten, über seine Kräfte hinauszuwachsen – gerade dann, wenn die Polizei immer wieder Fehler macht, wie dies im Fall Reemtsma passiert ist.
Auch auf diese Fehler macht der Film aufmerksam. Aber er klagt nicht an. Ihm geht es nicht um eine Kritik am Handeln von Polizei und staatlichen Behörden. Er konstatiert deren Interessen und Vorgehensweisen, lässt aber vor allem die Angehörigen sprechen, lässt sie anklagen und verzweifeln, ihr Unverständnis äußern und immer wieder Fragen stellen. Es ist Perspektive der Angehörigen, die im Titel steckt und um der es Schmid hauptsächlich geht.
Der Film basiert auf dem gleichnamigen Buch von Reemtsmas Sohn, Johann Scheerer, dass dieser 22 Jahre nach der Entführung veröffentlicht hat. Er nimmt an vielen Stellen die Sicht des 13-Jährigen ein, zunächst das schwierige Verhältnis zum intellektuellen Vater, dann die Einsamkeit, Hilflosigkeit und Angst des Jugendlichen, der das Ermittlungsgeschehen im Haus natürlich beobachtet und mithört, aber nicht mitmachen darf, der sich raushalten und möglichst wenig von all dem mitbekommen soll.
Gleichzeitig zeigt der Film, was die Entführung mit der Ehefrau und den anderen Beteiligten macht. Alle wollen sie einander helfen, das gemeinsam durchstehen und die Sache zu einem, dem einzigen guten Ende führen: Die Freilassung von Jan Philipp erwirken. Und alle machen Fehler, sind nervös, schlafen zu wenig, handeln im Affekt. Hans-Christian Schmid wirft eine kammerspielartige Enge auf die Leinwand, die er die Darsteller*innen grandios vermitteln lässt.
Der Film erzählt seine Geschichte in einfachen, klaren Bildern. Das Sounddesign ist ein ruhiges, an einigen Stellen aber auch eindringliches, was man jedoch wiederum fast nicht wahrnimmt; das kaum merkbar eindringt, Stimmung erzeugt und einen die Isolation des Familien-Polizei-Gespanns, aber auch die Angst der Angehörigen intensiv nachspüren lässt. Das Vertrauen in die Welt, wie sie vor der Entführung war, ist über Nacht zerbrochen und kann so schnell nicht wiedergewonnen werden. Was den Figuren lange bleiben wird, ist ein neuer Blick auf die Welt, eine neue Form der Angst – und diese werden auch für das Publikum nachhaltig spürbar.
Zurück zum Seiteninhalt